Herausgegeben im Auftrag des Hauses Hessen, aus den Aufzeichnungen der Hofchronisten.
Bevor ein Land ein Herrscherhaus tragen kann, muss es ein Land werden. Die vorliegende Chronik erzählt, wie aus einem germanischen Stammesgebiet zwischen Eder, Fulda und Lahn über Jahrhunderte jenes Territorium erwuchs, das eines Tages Hessen heißen würde und aus dem, so will es die Geschichte unseres Hauses, dereinst ein Erzherzogtum hervorgehen sollte.
I. Im Land der Chatten
Lange bevor jemand das Wort "Hessen“ aussprach, existierte in dessen Gebieten ein germanischer Stamm: die Chatten. Schon der römische Historiker Tacitus rühmte sie als diszipliniertes, kriegerisches Volk. Ihr Kerngebiet lag dort, wo heute Nord- und Osthessen liegen, mit dem Hauptort Mattium irgendwo im Umfeld des heutigen Fritzlar.
Der Name dieses Stammes sollte, über Jahrhunderte (etwa zwischen dem 5. und dem 9. Jahrhundert) der Lautverschiebung, zum Namen eines ganzen Landes werden: Chatti wurde über Hatti und Hazzi schließlich zu Hassi und Hessi. Erstmals schriftlich fassbar wird der Name im Jahr 738, als Papst Gregor III. in einem Sendschreiben an den Missionar Bonifatius vom "populus hessiorum“ berichtet, also dem Volk der Hessen.
II. Franken & Missionare
Mit dem Aufstieg der Franken geriet das Chattenland unter deren Hoheit. Schon ab dem frühen 7. Jahrhundert zogen irische und schottische Wandermönche durchs Land und errichteten erste kirchliche Stützpunkte z.B. in Hersfeld, Fritzlar, Amöneburg und der Wetterau. Das Christentum war hier also keine Neuheit mehr, als im Jahr 723 ein englischer Mönch namens Bonifatius nach Geismar bei Fritzlar kam und dort, der Überlieferung nach im Beisein zahlreicher Chatten, die dem Gott Donar geweihte Eiche fällen ließ.
Bonifatius gründete 724 das Kloster Fritzlar und später auch das Bistum Büraburg. Sein Gefährte Sturmius zog 744 die Fulda aufwärts und gründete das Kloster Fulda, welches später auch Fürstbischofssitz sein soll. Aus dieser Zeit stammt auch die erste feste Verwaltungseinheit mit dem Namen "Hessen“: der Hessengau (pagus Hassorum).
III. Der Hessengau im Reich der Karolinger und Ottonen
Unter den Karolingern blieb das Land kirchlich wie weltlich eng an die großen Reichsklöster Fulda und Hersfeld gebunden, die zu den mächtigsten Grundherren des ostfränkischen Reiches aufstiegen. Politisch gewann die Region an Gewicht, als aus ihr eine der bedeutendsten Adelsfamilien des frühen deutschen Königtums hervorging: die Konradiner, die mit Konrad I. im Jahr 911 sogar den ostfränkischen Königsthron stellten. Als dessen Linie erlosch, war es Fritzlar, wo am 12. Mai 919 der Sachsenherzog Heinrich zum König erhoben wurde und damit die Herrschaft der Liudolfinger begründete.
IV. Unter der Krone Thüringens
Im 12. Jahrhundert fiel das hessische Gebiet über Erbschaft an die Landgrafen von Thüringen aus dem Haus der Ludowinger. Fortan wurde Hessen als Nebenland der thüringischen Landgrafschaft verwaltet. Berühmt wurde in dieser Zeit Elisabeth von Thüringen, Gemahlin Landgraf Ludwigs IV., die nach dessen frühem Tod ihr Leben der Armen- und Krankenpflege widmete und in Marburg ein Hospital gründete. Sie starb 1231 mit nur 24 Jahren und wurde bereits 1235 heiliggesprochen. Die Elisabethkirche in Marburg, eines der ersten rein gotischen Bauwerke Deutschlands, zeugt bis heute von ihrem Kult. Elisabeths Tochter Sophie von Brabant wird in Abschnitt V. wichtig.
V. Der Erbfolgekrieg & die Geburt der Landgrafschaft
Als 1247 der letzte Ludowinger-Landgraf, Heinrich Raspe, kinderlos starb, erlosch die Dynastie und um ihr Erbe entbrannte der Thüringisch-Hessische Erbfolgekrieg. Auf der einen Seite stand Sophie von Brabant, die für ihren minderjährigen Sohn Heinrich das gesamte Erbe beanspruchte und auf der anderen der Wettiner Markgraf Heinrich der Erlauchte von Meißen, unterstützt vom Mainzer Erzbischof. Noch im Jahr 1247 ließ Sophie ihren Sohn auf der Mader Heide und in Marburg feierlich zum Landgrafen ausrufen. Im Vertrag von Langsdorf sicherte sich Sophie schließlich die hessischen Besitzungen der Ludowinger für ihren Sohn, musste die Grafschaft Hessen dafür allerdings als Lehen vom Mainzer Erzbischof nehmen. Im Frieden von 1264 einigte man sich endgültig: Thüringen blieb bei den Wettinern, doch Hessen wurde eigenständig. Sophies Sohn regierte fortan unabhängig als Heinrich I., der erste Landgraf eines nun von Thüringen losgelösten Hessen und Begründer des Hessischen Fürstenhauses.
Heinrich verlegte 1277 seine Residenz von Marburg nach Kassel und wurde 1292 zum Reichsfürsten erhoben, als ihm König Adolf von Nassau die Stadt Eschwege samt Burg Boyneburg als Reichslehen übertrug. Aus dem einstigen Chattenland, dem karolingischen Hessengau und dem thüringischen Nebenland war binnen anderthalb Jahrtausenden ein eigenständiges Fürstentum geworden.
Gezeichnet
Erzherzog Collin
