Die Chronik des Erzherzogtums Hessen - Band III - Das Kurfürstentum & Großherzogtum Hessen

ErzherzogCollin_XIV1. September 2026entertainment

Band III: Kurfürstentum und Großherzogtum Hessen

Herausgegeben im Auftrag des Hauses Hessen, aus den Aufzeichnungen der Hofchronisten

Bevor ein Land ein Herrscherhaus tragen kann, muss es ein Land werden. Die vorliegende Chronik erzählt, wie aus einem germanischen Stammesgebiet zwischen Eder, Fulda und Lahn über Jahrhunderte jenes Territorium erwuchs, das eines Tages Hessen heißen würde und aus dem, so will es die Geschichte unseres Hauses, dereinst ein Erzherzogtum hervorgehen sollte.

I. Hessen unter Napoleon

Kurfürst Wilhelm I. hatte seine neue Würde kaum drei Jahre getragen, als sie ihm schon wieder genommen wurde. Er verweigerte den Beitritt zum napoleonischen Rheinbund und erklärte Kurhessen 1806 für neutral. Am 1. November 1806 marschierten französische Truppen in Kassel ein und der Kurfürst floh ins Exil. 1807 löste Napoleon Kurhessen kurzerhand auf und gab den größten Teil dem neu geschaffenen Königreich Westphalen. Ganz anders erging es den Verwandten in Darmstadt: Großherzog Ludwig I. trat dem Rheinbund bei, kämpfte an der Seite Napoleons und konnte sein Territorium sogar vergrößern. Erst mit Napoleons Niederlage wendete sich das Blatt. 1813 zog Kurprinz Wilhelm II. in ein von russischen Truppen befreites Kassel ein und im März 1814 kehrte sein Vater an die Spitze des wiederhergestellten Kurfürstentums zurück.
Auf dem Wiener Kongress 1814/15 versuchte Wilhelm I. vergeblich, sich zum "König der Chatten" krönen zu lassen. Die Großmächte verweigerten ihm diesen Schritt und er blieb Kurfürst, durfte sich fortan aber immerhin "Königliche Hoheit" nennen. Auch Hessen-Darmstadt ging aus dem Kongress verändert hervor: Das Herzogtum Westfalen musste an Preußen abgetreten werden, im Gegenzug erhielt der Großherzog das neue Fürstentum Rheinhessen. Damit erstreckte sich das Großherzogtum über zwei durch preußisches und Frankfurter Gebiet getrennte Landesteile.


II. Verfassung und Verfassungsstreit

In Darmstadt vollzog Großherzog Ludwig I. den Übergang zur konstitutionellen Monarchie vergleichsweise ruhig: Mit der Verfassung vom 17. Dezember 1820 beendete er den Absolutismus, ohne dass es zu offenem Bruch kam.

In Kassel verlief dieser Weg weit stürmischer. Als in Kurhessen 1830 Unruhen ausbrachen, sah sich Kurfürst Wilhelm II. gezwungen, seinem Sohn Friedrich Wilhelm die Regierungsgeschäfte zu übertragen und eine Verfassung zuzugestehen. Die Kurhessische Verfassung von 1831 galt als eine der fortschrittlichsten ihrer Zeit im gesamten Deutschen Bund, z.B. Steuern durften fortan nur mit Zustimmung der Landstände erhoben werden.

Der spätere Kurfürst Friedrich Wilhelm I. erwies sich jedoch als Gegner ebendieser Verfassung. Als die bürgerlich dominierte Ständeversammlung ihm 1850 den Staatshaushalt verweigerte, löste er das Parlament auf, verordnete den Haushalt per Notverordnung und verhängte schließlich das Kriegsrecht. Bemerkenswert dabei ist, dass sowohl das oberste Gericht in Kassel als auch weite Teile des Offizierskorps, die ihren Eid nicht nur dem Kurfürsten, sondern zugleich der Verfassung geschworen hatten, verweigerten dem Landesherrn die Gefolgschaft. Erst der Einmarsch bayerischer Bundestruppen zwang das Land 1850/52 in die Knie. Dieser sogenannte Kurhessische Verfassungskonflikt brachte den Deutschen Bund an den Rand eines Krieges zwischen Preußen und Österreich. Erst 1862 wurde die Verfassung von 1831 vollständig wiederhergestellt.

Ludwig I.


III. Der Deutsche Krieg 1866

Als sich 1866 Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland stritten, standen beide hessische Staaten auf der österreichischen Seite. Kurhessen wurde vollständig besetzt, Kurfürst Friedrich Wilhelm I. abgesetzt und gefangen genommen, er ging ins Exil und starb dort. Zusammen mit dem Herzogtum Nassau und der Freien Stadt Frankfurt wurde das einstige Kurfürstentum 1868 zur neuen preußischen Provinz Hessen-Nassau. Nach 63 Jahren als Kurfürstentum und nach ungefähr 300 Jahren eigenständiger Herrschaft der Linie Hessen-Kassel endete damit die Souveränität des nördlichen Hessen.

Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt kam glimpflicher davon: Er musste zwar das "Hessische Hinterland" an Preußen abtreten, doch die Vermittlung des russischen Zaren verhinderte die ursprünglich geplante vollständige Annexion Oberhessens. Stattdessen trat die nördlich des Mains gelegene Provinz Oberhessen 1866 dem Norddeutschen Bund bei, während der Rest des Großherzogtums zunächst außen vor blieb. Erst mit dem Vertrag vom November 1870 wurde das gesamte Großherzogtum Bundesstaat des neu gegründeten Deutschen Reiches.

Friedrich Wilhelm I.


IV. Hessens Einfluss in Europa

Ludwig IV., heiratete 1862 Prinzessin Alice von Großbritannien, die Tochter Königin Victorias. Aus dieser Ehe gingen Töchter hervor, die Hessens Einfluss in Europa stärkten: Victoria wurde Stammmutter der Battenberg-Mountbatten-Linie, aus der später Prinz Philip von Edinburgh hervorging; Elisabeth heiratete einen russischen Großfürsten; und Alexandra wurde als Gemahlin Zar Nikolaus’ II. die letzte Zarin Russlands. Kaum ein deutsches Fürstenhaus war zu Beginn des 20. Jahrhunderts enger mit den Königshäusern Europas verflochten als das hessische.

Ludwigs Sohn Ernst Ludwig, der letzte Großherzog, regierte ab 1892 und machte sich vor allem als Förderer der Künste einen Namen. 1899 rief er die Darmstädter Künstlerkolonie ins Leben, die mit ihren Ausstellungen bis heute das Bild von Darmstadt prägt.


V. Das Ende der Monarchie

Der Erste Weltkrieg besiegelte, was sich schon länger angebahnt hatte. In der Nacht zum 9. November 1918 erklärten revolutionäre Soldaten und Arbeiter in Darmstadt den Großherzog für abgesetzt und riefen die "freie sozialistische Republik Hessen" aus. Ernst Ludwig akzeptierte die Realität, weigerte sich aber zeitlebens, förmlich abzudanken. Am 9. Mai 1919 wurde sein Privatvermögen vom Staatsvermögen getrennt und das großherzogliche Haus finanziell entschädigt.

An die Stelle des Großherzogtums trat der demokratische Volksstaat Hessen, dessen erster Landtag im Januar 1919 gewählt wurde. Nach über 650 Jahren hatte die angestammte Dynastie zum ersten Mal in der Geschichte des Landes keinen Thron mehr inne.

Ernst Ludwig



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