Die Insel der Vernunft

Bundeskanzler_arrrD9. Mai 2026politics

Von den abgelegenen Solomon Islands aus betrachtet, fern der europäischen Erregungszyklen, wirkt der alte Kontinent zugleich rastlos und erschöpft. Die Parlamente wachsen, die Debatten werden länger, die Worte größer, doch der Wille zur klaren Entscheidung scheint zu schwinden. Ein Staat verliert seine Handlungsfähigkeit nicht plötzlich, sondern schrittweise, durch Überdehnung, durch Eitelkeit und durch das Verwechseln von Aktivität mit Führung.

Besorgniserregender ist jedoch die Rückkehr jener alten Großmachtfantasien, die Europa schon einmal teuer zu stehen kamen. Überall wächst die Versuchung, Einfluss mit Expansion zu ersetzen und Stärke vor allem im populistischen Auftreten zu suchen. Doch politische Reife zeigt sich nicht im Drang zur Ausweitung, sondern in der Fähigkeit zur Begrenzung.

Europa verdankt seine friedlichsten Jahrzehnte nicht martialischen Posen, sondern Zusammenarbeit, Handel und gegenseitigem Interesse. Staaten, die nur noch gegeneinander denken, verlieren am Ende gemeinsam. Vernunft entsteht dort, wo man den Nachbarn nicht als Bühne eigener Ambitionen betrachtet.

Nur bei den Franzosen drängt sich bisweilen der Eindruck auf, dass europäische Zusammenarbeit an ihre Grenzen stößt. Während andere Staaten um Stabilität ringen, kultiviert man dort noch immer den alten Reflex nationaler Grandeur. Laut im Anspruch, wechselhaft in der Verlässlichkeit, trügerisch in der Sicherheit.

Vielleicht besteht Europas seltene Einigkeit heute weniger in gemeinsamen Visionen als in der stillen Übereinkunft, dass man die französische Selbstüberschätzung auf Dauer nicht mit Geduld ertragen kann. Vive l’Europe.

Bundeskanzler a.D.

Helmut Schmidt