22:14 Uhr Ich komme gerade von der Spätschicht aus den Betonwerken der kleinen Jungs AG nach Hause. Der Staub der Arbeit liegt mir noch auf den Klamotten. Danke https://app.warera.io/user/699860473ae3d2827083e394.
Ich schalte den Fernseher ein. Reality TV.
Genauer gesagt: 1034 Leute, die sich wieder einen einzigen Chat teilen. Germanys next Top Chatter.
Nicht unbedingt die beste Serie aller Zeiten, aber das späte Abendprogramm hat eben einfach nicht mehr zu bieten.
Heute gibt es allerdings wieder herausragende Chats zu bestaunen, für die es sich tatsächlich lohnt, eingeschaltet zu lassen:
Da wäre zum Beispiel https://app.warera.io/user/6a1339f5990be10c39fa22f2, der mit einem herrlichen Wortwitzgewitter um die Ecke kommt:
Ein sächsischer Vater sitzt mit seinem Sohn auf einem Hochstand. Der Vater erblickt in der Ferne eine nackte Frau. Gleichzeitig sieht sein Sohn auf der anderen Seite eine kleine Fuchsfamilie. Aufgeregt ruft er: "Pabba, Figgse, Figgse!" Der Vater antwortet trocken: "Aber nür, wenn du de muddi nüscht sochst!"
Darauf folgen anschließende Diskussionen über den ausbleibenden Babyboom, bei denen sich sowohl die Kifferfraktion (https://app.warera.io/user/69af23197972e334e3ba39fe) als auch die Oberschicht (https://app.warera.io/user/6a12e5bef92e37afd18c5430) einschalten. Gemeinsam versuchen sie, andere Teilnehmer vehement zu mehr Verkehr zu animieren. Ich bin beim Zuschauen etwas entsetzt. Wo sind wir hier gelandet? Bei Chatation Island?
Und dann kommt wieder das übliche Thema auf. Es lässt uns einfach nicht los als Volk: Was lohnt sich denn nun wirklich im Leben? Das Urteil der Masse fällt einstimmig aus: EISEN!
Dabei wird natürlich die Chance nicht ausgelassen, eindringlich vor schwerer Munition zu warnen. Eigentlich ja löblich, aber irgendwie geschieht es aus den völlig falschen Gründen. Oder vielleicht auch nicht, wer weiß das schon. Kriege liegen mir nicht.
Plötzlich kommt ein gebildeter Teilnehmer (https://app.warera.io/user/69fa5b3bc1712d03b4b9a056) ins Bild und bringt Struktur in das Chaos: Von Bumsen über Eisen geht es im fliegenden Wechsel nun direkt zur Sonnenfinsternis. Finsternis? Das kenne ich von der Arbeit im Betonwerk nur zu gut, denke ich mir, und schaue rüber auf die geschlossenen Rollos. Ach, wenn sich die Arbeit wie Heimat anfühlt oder die Heimat wie Arbeit. Was auch immer, nimmt sich wohl beides nichts.
Es zeigt sich aber geschlossen: Die Leute im Chat haben Bock. Das Zusammenspiel aus Finsternis und Sonne scheint die Masse so richtig anzuheizen.
Nun wird es kurz spannend: Politik. Gut, um ehrlich zu sein, wirklich spannend ist es nicht, da es sich am Ende nur um einen stumpfen Rant über unser politisches System handelt. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Vielleicht Abstand von https://app.warera.io/user/699a438091fb1fb3850f6f67? Oder ist das Aufklärungsarbeit? Das ist mir nun doch etwas zu spät und zu schwer für den heutigen Abend. Ich werde auch langsam irgendwie schläfrig.
ZACK, KNALL. Der Moderator https://app.warera.io/user/69d6b9043553eff9bdc6ad42 betritt den virtuellen Raum und packt endlich über seine Kindheit aus. Gespannt auf echte News, sehe ich am Ende aber nur eine Liste seiner eigenen Jugendsongs. Rap. Sicherlich für die neuen Zuschauer ganz interessant, aber als treuer Stammhörer ist das für mich nicht mehr als ermüdend.
Ich werfe einen schläfrigen Blick auf die Uhr in meinem CD-Schrank: Ach Mist, schon 22:26 Uhr. Eigentlich meine Lieblingsuhrzeit, aber eben nicht unter diesen Umständen.
Ich schalte den Fernseher endgültig aus, steige in die kalte Dusche, um den Betonstaub loszuwerden, und werfe mich erschöpft ins Bett. Unter mühseligem Gähnen und mit leichten Schmerzen in den Händen von der harten Arbeit in den Werken, starre ich stumm die Zimmerdecke an und frage mich:
"Wo ist eigentlich meine Frau, und wann läuft im Fernsehen wieder „Deutschland sucht den Superchat“?"
Ich schlafe ein.
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Danke an Alle, die es bis hierhin geschafft haben.