Einen wunderschönen guten Abend meine werten Mitbürger,
da meine Masterarbeit weiterhin existiert und ich weiterhin aktiv versuche ihr nicht direkt in die Augen zu schauen, folgt hier Teil 2 der kleinen Eskalation namens klassische Herrenmode.
(Teil 1 für alle die den verpasst haben: https://app.warera.io/article/69ed164c4ec164fc78408068)
Wieder 10 random Fakten. Wieder irgendwo zwischen „Das erklärt einiges“ und „Warum weiß ich das jetzt?“. Viel Spaß.
Hemdenärmel sind absichtlich länger als der Arm
Klingt erstmal falsch, ist aber richtig. Ein Hemdenärmel sollte bei offener Manschette nicht einfach exakt am Handgelenk enden. Er darf und soll länger sein. Warum? Bewegungsfreiheit. Wenn man den Arm hebt, streckt oder nach vorne bewegt, braucht der Stoff Reserve. Begrenzt wird das Ganze durch die geschlossene Manschette, die ungefähr auf der Daumenwurzel liegen sollte. Heißt: Die Manschette hält den Ärmel an Ort und Stelle, während der überschüssige Stoff dafür sorgt, dass man nicht aussieht wie jemand, der bei jeder Bewegung gegen sein eigenes Hemd kämpft.
Oxfords und Derbys sind nicht einfach „schicke Schuhe“
Der Unterschied liegt in der Schnürung. Beim Oxford ist die Schnürung geschlossen. Das bedeutet: Die Seitenteile, durch die die Schnürsenkel laufen, sind unter das Vorderblatt genäht. Sieht sauberer, formeller und schlanker aus. Beim Derby ist die Schnürung offen. Die Seitenteile liegen oben auf. Das wirkt etwas entspannter und passt oft besser zu höherem Spann, also wenn der Fuß oben mehr Volumen hat. Grob gesagt: Oxford zum Anzug und zu formellen Anlässen. Derby zu sportlicheren Kombinationen, Tweed, Flanell, Chinos oder wenn der Fuß einfach nicht Oxford-kompatibel gebaut wurde.
Das unterste Knopfloch bei Westen bleibt offen
Ja, auch bei der Weste. Der unterste Knopf bleibt traditionell offen, ähnlich wie beim Sakko. Warum? Teilweise wegen Schnitt, teilweise wegen Tradition, teilweise wegen Edward VII., der angeblich etwas zu viel Dinner genossen hatte und den unteren Knopf offen ließ. Ob die Geschichte komplett stimmt, ist fast egal, weil die Regel geblieben ist. Eine Weste fällt meistens schöner, wenn der unterste Knopf offen bleibt. Geschlossen sieht es schnell gespannt und etwas verkrampft aus. Kleidung soll sitzen, nicht um Hilfe rufen.
Gürtel sind bei Anzügen oft die schlechteste Lösung
Ein Gürtel ist praktisch, keine Frage. Aber bei klassischer Herrenmode ist er oft nur ein Notfallseil für eine Hose, die nicht richtig sitzt. Er unterbricht die Linie des Körpers, drückt Stoff zusammen und erzeugt gerne unschöne Falten am Bund. Eleganter sind Seitenversteller oder Hosenträger. Seitenversteller sitzen seitlich am Bund und erlauben kleine Anpassungen. Hosenträger halten die Hose von oben und lassen sie sauber fallen.
Fused, Half Canvas, Full Canvas: Warum manche Sakkos besser altern als andere
Im Sakko steckt vorne eine Einlage, die dem Stoff Form gibt. Bei Fused ist diese Einlage geklebt. Das ist günstiger und sieht am Anfang oft völlig okay aus, kann aber mit der Zeit steifer wirken oder bei schlechter Verarbeitung Blasen werfen. Half Canvas bedeutet: Im Brustbereich ist eine vernähte Einlage, darunter wird meist geklebt. Das ist für viele der Sweet Spot: bessere Form, besserer Fall, aber noch bezahlbar. Full Canvas heißt: Die Einlage ist über die ganze Front vernäht. Teurer, aufwendiger, aber sie passt sich mit der Zeit besser dem Körper an. Woran erkennt man es? Ganz grob: den Stoff vorne am Sakko vorsichtig zwischen den Fingern bewegen. Wenn sich mehrere Schichten leicht gegeneinander verschieben, ist wahrscheinlich Canvas drin. Wenn alles wie eine einzige feste Platte wirkt, eher Fused. Lohnt sich Full Canvas immer? Nein. Für den ersten Anzug reicht oft Half Canvas völlig. Full Canvas lohnt sich eher, wenn man das Teil lange tragen will, den Stoff liebt und dein Kontostand nicht der Seitenlänger deiner Frisur entspricht.
Manschettenknöpfe bedeuten nicht automatisch Gala
Hemden mit Umschlagmanschette, also diesen doppelt gelegten Manschetten für Manschettenknöpfe, wirken formeller. Aber sie sind nicht ausschließlich für Smoking und Staatsempfang reserviert. Mit einem dunklen Anzug können sie sehr elegant sein. Wichtig ist nur, dass der Rest mithält. Manschettenknöpfe zu Skinny-Jeans und Sneakern sind nicht „spannender Stilbruch“, sondern meistens ein Hilferuf deiner Psyche.
Schuhfarbe ist nicht egal
Schwarze Schuhe sind formeller. Dunkelbraune Schuhe sind vielseitiger, aber weniger streng. Hellbraune Schuhe sind deutlich legerer und sehen zu sehr dunklen Anzügen oft etwas laut aus. Zum dunkelblauen Anzug funktionieren Schwarz und Dunkelbraun sehr gut. Zum grauen Anzug ebenfalls. Zum schwarzen Anzug: schwarze Schuhe. Braune Schuhe zum schwarzen Anzug sind eine dieser Ideen, die im Kopf besser klingen als vor dem Spiegel.
Button-Down-Kragen sind nicht einfach nur Hemdkragen mit Sicherheitsgurt
Ein Button-Down-Kragen hat kleine Knöpfe, mit denen die Kragenspitzen am Hemd befestigt werden. Ursprünglich kommt das aus dem Polosport, damit der Kragen beim Reiten nicht herumflattert. Deshalb ist er eigentlich sportlicher und weniger formell. Er funktioniert sehr gut mit Tweed, Chinos, Strickkrawatten, Loafern und allem, was so aussieht, als hätte jemand Stil, aber keinen Termin mit dem Vorstand. Zum sehr formellen Businessanzug oder Abendgarderobe ist er fehl am Platz.
Socken sind länger, als viele denken
Bei klassischer Kleidung sollten beim Sitzen keine nackten Waden sichtbar sein. Deswegen gibt es Kniestrümpfe. Ja, klingt erstmal nach Großvater. Ist aber die saubere Lösung. Kurze Socken rutschen, zeigen Haut und ruinieren die Linie zwischen Hose und Schuh. Kniestrümpfe bleiben oben und sorgen dafür, dass der einzige Schock beim Hinsetzen die Restaurantrechnung ist.
Super-Zahlen bei Stoffen sind kein Powerlevel
Bei Anzugstoffen sieht man oft Angaben wie Super 100s, Super 120s oder Super 150s. Das klingt erstmal wie Grafikkarten für Menschen mit Manschettenknöpfen. Gemeint ist grob gesagt die Feinheit der Wollfasern. Höhere Zahl heißt meist feinerer, weicherer Stoff. Aber: feiner heißt nicht automatisch besser. Sehr feine Stoffe können empfindlicher sein, schneller knittern und weniger robust im Alltag wirken. Für einen ersten oder häufig getragenen Anzug ist Super 110s bis Super 130s oft völlig sinnvoll. Super 180s klingt edel, ist aber für den Alltag ungefähr so praktisch wie ein Sportwagen im Kopfsteinpflasterviertel. Schön, aber man leidet mit.
Wie immer: Lasst eine Spende da für mehr Anzüge und Panzer. Grrr Italiener!