Der deutschsprachige Poesiewettstreit ist gestern Abend zuende gegangen und wir haben unsere drei besten dichten Denker diesen Monat. Vielen lieben Dank für eure rege Beteiligung! Ich freue mich, dass die Lyrik nun auch in Artikel außerhalb des Wettstreites Einzug gehalten hat. Sie können uns unser Land wegnehmen, ihre blauen oder grünen Farbe über uns fremdbestimmt entscheiden. Aber unsere Kultur und unserer geeinte Gemeinschaft? Niemals.
Daher freue ich mich wirklich so sehr den ersten drei Plätzen zu gratulieren!!
🥇 1. Platz: https://app.warera.io/user/69867885e4757698341452f4
🥈 2. Platz: https://app.warera.io/user/69a84abd17aca3aec6fe94de
🥉 3. Platz: https://app.warera.io/user/6976313955afed608343674f
4. Platz: https://app.warera.io/user/69dce3693092a79226de2af4
https://app.warera.io/user/6976313955afed608343674f hat schon vor seiner Teilnahme angekündigt keine Gempreise anzunehmen und das sein möglicher Gewinn bitte auf den nächsten übergehen soll. Daher herzlichen Glückwunsch an den iranischen Dichter https://app.warera.io/user/69dce3693092a79226de2af4!
Platz 1: https://app.warera.io/user/69867885e4757698341452f4
Wer schreibt so spät bei Nacht im Licht?
Es ist der Primo mit seinem Gedicht,
Er hält die Feder wohl in der Hand,
Und dichtet für Deutschland, fürs Vaterland
"Mein Primo, was schreibst du so bang oh dein Gesicht",
"Siehst Hans, du den Rothwer da vorne nicht?
Den Präsi mit Mahnung und Pflicht?"
"Mein Freund Primo, dass ist nur dein Bildschirm Licht."
"Du lieber Bürger, hör mir zu! Der Krieg steht bevor,
Das gibt mir keine Ruh, Italien und Luxemburg angeschaut,
Wer jetzt nicht Vorräte hortet, hat seine Chance verbaut."
"Mein Hans, mein Hans, und hörst du nicht, was Rothwer
mir sagt mit ernstem Gesicht?" Bleib ruhig, bleib ruhig, Primo
Mein Dichterlein, das sind nur Tarus Pings in den Channel hinein.
"Willst, feiner Primo du mit mir nun gehen?
Glueck und Taru sollen bereit schon stehn,
Mudkip und Kaiser, Andreas dazu, die Nightwatch sitzt wach
Und wird keine Nacht ruhn.
"Mein Hans, mein Hans, jetzt packt er mich an! Rothwer hat mir
Schon im Kongress etwas angetan."
Dem Sprungfeld grausets, er tippt geschwind.
Er erreicht die letzten Worte mit müh und Not,
Doch Primos Geduld mit dem Hans, die ist nun Tod.
Die Ballade ist als intertextuelle Parodie auf "Der Erlkönig" von Johann Wolfgang v. Goethe zu lesen. Bereits die Eingangssituation greift die bekannte Struktur des Originals auf, überführt diese jedoch vom nächtlichen Ritt in eine mediale Schreibsituation. Damit verschiebt sich der Handlungsraum von der Natur in eine digital geprägte Wirklichkeit.
Formal orientiert sich das Gedicht an der typischen Balladenstruktur mit starkem Dialoganteil. Die Figuren Primo und Hans verkörpern dabei zwei gegensätzliche Wahrnehmungsebenen: Während Primo eine wachsende Bedrohung durch "Rothwer“ imaginiert, versucht Hans, diese Eindrücke rational zu erklären und als bloße mediale Erscheinungen („Bildschirm Licht“, „Pings“) zu relativieren. Diese Konstellation entspricht funktional dem Gegensatz im "Erlkönig“, wird hier jedoch entmythologisiert.
Sprachlich fällt die Mischung aus balladesker Diktion und modernen, digitalen Begriffen auf. Diese Hybridität erzeugt nicht nur Ironie, sondern verweist auf die Diskrepanz zwischen tradierten Ausdrucksformen und gegenwärtiger Erfahrungswelt. „Rothwer“ fungiert dabei als ambivalente Bedrohungsfigur, die zwischen realer politischer Instanz und subjektiver Projektion oszilliert.
Die dramatische Steigerung kulminiert schließlich in einer Eskalation, in der die rationale Gegenposition ihre stabilisierende Funktion verliert. Anders als im "Erlkönig“, wo der Tod des Kindes den tragischen Endpunkt markiert, besteht die Katastrophe hier im Verlust von Primos "Geduld“. Dieser Begriff ist semantisch aufgeladen und kann als Chiffre für den Zusammenbruch von rationaler Selbstkontrolle und kommunikativer Anschlussfähigkeit gelesen werden. Die Tragik liegt somit nicht in einem physischen, sondern in einem psychischen bzw. diskursiven Zerfall.
Insgesamt lässt sich das Gedicht als kritische Reflexion gegenwärtiger Wahrnehmungs- und Kommunikationsstrukturen interpretieren. Durch die Übertragung eines kanonischen balladesken Musters in eine digitalisierte Lebenswelt wird die Frage nach der Verlässlichkeit von Wahrnehmung und der Konstruktion von Realität neu verhandelt. Die Parodie erschöpft sich dabei nicht in bloßer Nachahmung, sondern fungiert als produktive Transformation, die die ästhetischen und epistemologischen Implikationen des Originals in einen aktuellen Deutungshorizont überführt.
Platz 2:: :https://app.warera.io/user/69a84abd17aca3aec6fe94de
3dCuts Schergen schuften schwer,
Doch nie ist morgens Lager leer.
So sitzen sie und warten bange,
Wie geht's dem Chef, schläft er noch lange?
Doch steckt den Kopf nicht in den Sand,
Zur Not pusht ihr halt Widerstand!
Das kurze Gedicht weist trotz seines knappen Umfangs eine klare, beinahe epigrammatische Struktur auf und lässt sich als ironisch gebrochene Reflexion auf Arbeitsverhältnisse und Hierarchien lesen. Inhaltlich stehen "3dCuts Schergen“ im Zentrum, die als kollektive Figur eine anonyme, abhängige Arbeiterschaft repräsentieren. Bereits das Verb "schuften“ evoziert ein semantisches Feld von Mühsal und Ausbeutung, während die Aussage, dass das "Lager“ dennoch nie leer sei, auf eine kontinuierliche, möglicherweise übermäßige Produktion der Arbeiterschaft verweist. Hier entsteht eine Spannung zwischen Arbeitsaufwand und Ergebnis, die implizit Kritik an ökonomischen Strukturen erkennen lassen muss.
In der zweiten Strophe verschiebt sich der Fokus von der Tätigkeit zur psychischen Disposition der Figuren. Das "bange Warten“ sowie die Frage nach dem "Chef“ verdeutlichen ein stark hierarchisches Abhängigkeitsverhältnis, in dem die Arbeiter nicht autonom handeln, sondern auf die Präsenz und Entscheidungen einer Autoritätsfigur angewiesen sind. Der Chef bleibt dabei auffällig konturlos und erscheint lediglich über seine Abwesenheit ("schläft er noch lange?“), was seine Machtposition paradoxerweise nur noch verstärkt.
Die abschließende Strophe führt eine Wendung ein, die als ironische Brechung gelesen werden kann. Die Aufforderung, "den Kopf nicht in den Sand“ zu stecken, greift eine bekannte Redewendung auf und signalisiert zunächst Durchhalteparolen. Allerdings wird diese durch die folgende Zeile („Zur Not pusht ihr halt Widerstand!“) subversiv unterlaufen. Der Begriff "pushen“, der aus der digitalen wie auch ökonomischen Sphäre stammt, verbindet sich mit "Widerstand“ und erzeugt so eine ambivalente Aussage: Einerseits scheint Widerstand als Option benannt, andererseits wird er in eine Logik der Effizienz und Optimierung integriert, wodurch seine eigentliche Gegenfunktion abgeschwächt wird.
Sprachlich zeichnet sich das Gedicht durch einen einfachen, paarweise gereimten Aufbau aus, der an volkstümliche oder gar liedhafte Formen erinnert. Diese scheinbare Einfachheit kontrastiert mit der inhaltlichen Mehrdeutigkeit und verstärkt den ironischen Unterton des Werkes. Insgesamt lässt sich der Text als pointierte Miniatur lesen, die Arbeitsrealität, Abhängigkeit und den Umgang mit Autorität in einer modernen, aber auch digitalisierten Welt in WarEra kritisch reflektiert.
Platz 3: https://app.warera.io/user/6976313955afed608343674f
Voll wie ne Haubitze
Geh ich zum Feind
Erwarte Widerstand
Finde nur Leid
Die Italiener trinken
Die Deutschen saufen
Wie kam ich nur her
Bin wohl gelaufen
Das Gedicht präsentiert sich als kurze, bewusst reduzierte Momentaufnahme, die Kriegssemantik, Alkoholkonsum und existenzielle Desorientierung miteinander verschränkt. Bereits die Eingangzeil "Voll wie ne Haubitze“ erzeugt eine markante Spannung. Die militärische Metapher der "Haubitze“ wird mit umgangssprachlicher Trunkenheit kombiniert, wodurch ein antiheroischer, fast grotesker Ton etabliert wird. Die Sprecherfigur erscheint zunächst in einer klassischen Kampfrolle („Geh ich zum Feind“), doch diese Erwartung wird unmittelbar gebrochen. Statt eines tatsächlichen Gefechts folgt die ernüchternde Feststellung "Finde nur Leid“, wodurch die Sinnhaftigkeit des angenommenen Konflikts infrage gestellt wird.
Diese Desillusionierung wird in der zweiten Strophe weitergeführt, jedoch stärker ins Alltägliche verschoben. Die Gegenüberstellung „Die Italiener trinken / Die Deutschen saufen“ arbeitet mit kulturellen Stereotypen und differenziert implizit zwischen gemäßigtem und exzessivem Alkoholkonsum. Gleichzeitig wirkt diese Beobachtung fast beiläufig und steht in einem deutlichen Kontrast zur zuvor aufgebauten Kriegsmetaphorik. Dadurch entsteht ein Bruch, der das Geschehen zunehmend ins Absurde kippen lässt.
Die abschließenden Verse („Wie kam ich nur her / Bin wohl gelaufen“) verstärken diese Wirkung erheblich. Die scheinbar existentielle Frage nach der eigenen Situation wird mit einer banalen, fast tautologischen Antwort aufgelöst. Die Sprecherfigur erscheint dadurch orientierungslos und ihrer eigenen Handlung nicht mehr bewusst, was sich als Ausdruck eines Kontrollverlusts deuten lässt.
Formal verzichtet das Werk auf eine strenge metrische Ordnung und nutzt eine knappe, parataktische Sprache. Diese Einfachheit erzeugt eine direkte, ja fast protokollartige Wirkung, die den ironischen und zugleich resignativen Grundton unterstreicht. Insgesamt lässt sich der Text als Dekonstruktion klassischer Kampf- und Nationalnarrative lesen: Die anfängliche Vorstellung eines heroischen Konflikts wird systematisch entwertet und in eine Mischung aus Trivialität, Alkoholrausch und Orientierungslosigkeit überführt. Enthüllt uns hier der Präsident seinen wahren Grund, warum er nicht wieder zu den Wahlen antritt?
Bis zum nächsten Monat meine lieben dichten Freunde! <3 liebe euch sehr und wirklich vielen Dank fürs mitmachen!