Geschichten aus 1.001 Polarnacht

3Dsus3. Juni 2026entertainment

Das Opossum in Schweden

Es war einmal ein Opossum, das lebte im lautesten Land der Welt, in Deutschland, wo die Tage nie ganz still wurden und die Nächte erst recht nicht.

An einem pinken Nachmittag schob es seinen Einkaufswagen durch das gelbe Labyrinth eines IKEA, vorbei an Regalen mit unaussprechlichen Namen, vorbei an Köttbullar und Duftkerzen, und kaufte, was man eben kauft, wenn man eigentlich nichts braucht: eine Lampe, drei Servietten, ein Kuscheltier in Schnabeltierform.



Auf dem Parkplatz, zwischen zwei pfützengrauen Autos, kauerte eine Ratte. Sie winkte das Opossum heran, legte die Pfote an die Schnauze und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Was genau, das wusste das Opossum schon im nächsten Atemzug nicht mehr, denn ein Opossum, das sich erschreckt, tut nur eines: Es fällt um, streckt alle viere von sich und stellt sich tot.

Als es die Augen wieder öffnete, war alles anders. Der Himmel hing tiefer, das Licht war blasser, und unter den Pfoten knirschten Kiefernnadeln statt Asphalt. Das Opossum war in Schweden.

Verwirrt tappte es zwischen roten Holzhäusern umher. Wer ihm begegnete, nickte freundlich, hielt die Tür auf, schenkte ein scheues Lächeln. Nett waren sie, die Schweden, ausnehmend nett.

Doch über allem lag eine Stille, wie das Opossum sie nie gekannt hatte. In den Werkstätten, in den Kontoren, auf den Feldern: Wo gearbeitet wurde, wurde geschwiegen. Keiner rief, keiner sang, keiner stritt. Das Opossum, das aus einem prallen, brodelnden Deutschland kam, in dem an jeder Ecke jemand das große Wort führte, fand das zunächst unheimlich.

Denn die Kultur des AZB war hier noch nicht angekommen. Niemand schmückte sich mit grellen Farben, niemand trug seinen Supporterstatus wie eine Brosche vor der Brust her. Die Schweden waren karg in allem, sparsam mit Zierrat und mit Worten gleichermaßen.

Wenn in Deutschland jemand einer Aussage zustimmte, so drückte er die Pfote aufs Herz, dass es nur so pochte vor Begeisterung. Hier oben im Norden aber schwieg man bei Zustimmung einfach weiter. Nur hin und wieder, wenn etwas wirklich gut war, klatschte einer kurz in die Hände, einmal, vielleicht zweimal, und dann kehrte die Ruhe zurück.

Auch die Balken betrachtete niemand. In Deutschland war es heiliger Brauch, ganze Tage lang auf Balken zu starren, wie sie wuchsen und sanken und sich füllten. In Schweden ließ man die Balken Balken sein und sah lieber aus dem Fenster, hinaus auf den See.

Anfangs trauerte das Opossum seiner lärmenden Heimat nach. Doch bald fasste es Mut, denn es entdeckte einen Trost, der über jede Stille hinweghilft: Die Schweden waren überaus lecker.

Die Armee, so stellte sich heraus, schmeckte nach Zimt, warm und süß und im Abgang ein wenig nach Hochmut. Manche Bürger waren schlicht Kartoffeln, mehlig, bescheiden und sättigend. Und Käse gab es im Überfluss, in Laiben so groß wie Wagenräder. Ein Opossum, das so speisen darf, das lebt sich ein, da war sich das Opossum ganz sicher. Es hoffte lediglich, dass man ihm etwas Maggi aus der Heimat schickte.

Nur eine Sorge blieb. Morgen, so hatte man ihm zugeflüstert (auf schwedische Art, also kaum hörbar), wolle der Präsident mit ihm Fika halten. Fika. Bei dem Wort lief dem Opossum ein Schauer über das Fell. Denn Fika, das kannte es schon vom Hans, und was es vom Hans_Sprungfeld kannte, das dachte es lieber nicht zu Ende.

Und wenn es sich bis dahin nicht totgestellt hat, dann fürchtet es sich noch heute.

Liebe Grüße in die Heimat, Deutschland und Schweden können so viel voneinander lernen 🍻

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