Meine wackeren Landsleute, Brüder und Schwestern im dichten Forst unseres Vaterbodens,
ich spreche zu euch nicht als gewöhnlicher Feldherr, sondern als Schröter, als Kind des Waldes, gehärtet im morschen Holz der Zeiten, geprüft unter der Rinde der Geschichte. Unsere mächtigen Geweihe – einst stolz erhoben im Sonnenlicht der Lichtungen Bayerns – sind gebeugt. Der Wind trägt Kunde von unserem Verlust, und er rauscht durch die Kronen wie ein mahnendes Flüstern: Wir sind gefallen… doch nicht verrottet.
Bayern, unsere saftreiche Eiche, ist uns entrissen worden. Gefällt, nicht durch den Sturm allein, sondern durch das Bündnis vieler Hände – eine Weltallianz, ein Schwarm fremder Käfer, der unsere Bastion umkrabbelte wie hungrige Larven. Sie haben genagt, gebohrt, unterminiert. Und wir… wir standen zu lange still auf unserem Ast.
Doch hört mich gut, ihr Käfer des deutschen Waldes: Ein Schröter kennt den langen Atem des Holzes. Wir leben nicht vom schnellen Flug, sondern von der Geduld im Verborgenen. Wenn der Stamm fällt, so nährt er neues Leben. Wenn das alte Holz bricht, beginnt unter der Rinde das heimliche Werk des Wiederaufbaus.
Jetzt ist nicht die Zeit, mit klappernden Mandibeln gegen jeden Windstoß zu kämpfen. Nein! Jetzt ist die Zeit, unsere Kräfte zu sammeln wie Harz im Kern, zäh und wertvoll. Wir müssen graben, bauen, wirtschaften! Lasst uns die Wurzeln stärken, die Nährstoffe mehren, die Ströme des Wohlstands durch unsere Adern fließen lassen wie frischer Saft im Frühling.
Arbeitet, ihr fleißigen Käfer! Seid wie die Ameisen im Unterholz, organisiert und unbeirrbar. Seid wie die Borkenkäfer – nicht im zerstörerischen Sinne, sondern im unermüdlichen Bohren nach Fortschritt und Versorgung. Jeder Span zählt, jede Faser, jede Rinde!
Wir werden uns nicht in blinder Wut verausgaben. Ein alter Schröter weiß: Wer zu früh die Flügel hebt, wird vom nächsten Vogel gegriffen. Nein – wir verharren, wir wachsen, wir verdichten unsere Reihen im Schatten der Stämme.
Und dann… wenn der Wald wieder dicht steht, wenn unsere Kräfte gereift sind wie das Holz eines hundertjährigen Baumes… dann, meine Brüder und Schwestern, dann werden wir im Schulterschluss – Mandibel an Mandibel – wieder hervortreten. Nicht als verstreute Käfer, sondern als ein geeinter Schwarm.
Dann wird das Knacken der Äste unser Marsch sein. Das Rascheln der Blätter unser Banner. Und der Duft des Waldes unser Versprechen.
Wir sind nicht besiegt – wir sind im Wandel. Ein Schröter stirbt nicht im gefällten Stamm. Er wartet… und kehrt zurück.
Für den Wald. Für unsere Zukunft.
Gezeichnet,
Ludwig von Hirschfang, der "eiserne Mandibel" aus dem Hause der Hirschschröter.