Einen wunderschönen guten Tag meine werten Mitkrieger,
heute sprechen wir über Sommerkleidung.
Oder genauer darüber, dass Sommerkleidung nicht automatisch bedeuten muss, auszusehen wie ein Tourist auf dem Weg zum All-inclusive-Buffet.
Denn ja, es ist warm. Ja, man schwitzt. Ja, wir alle haben unseren Lebenswillen verloren und hoffen auf den Abbruch des Golfstroms.
Aber ihr kennt mich hoffentlich mittlerweile:
Sommer ist keine Ausrede für Kontrollverlust.
Viele Menschen behandeln Sommerkleidung so, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten:
komplett überhitzt im navyblauen Anzug weil sie nur die Überschrift meines letzten Artikels gelesen haben
optischer Totalschaden in Cargo-Shorts, Funktionsshirt und Birkenstock (ja okay, Birkenstocks haben Stil!)
Beides ist falsch.
Sommerkleidung kann leicht sein, bequem sein und trotzdem Stil haben.
Das Problem ist nicht, dass man zu viel Kleidung trägt. Das Problem ist, dass viele im Versuch sich sommerlich zu kleiden sofort jede Form, jeden Stoff und jede Würde aus dem Fenster werfen.
Ein gutes Sommeroutfit muss nicht steif sein. Es muss nicht formell sein. Es muss auch nicht so wirken, als würdest du gleich bei 31 Grad eine Vorstandssitzung eröffnen.
Aber es darf aussehen, als hättest du dir länger über dein Outfit Gedanken gemacht als unsere Regierung vor Kriegsbeginn (5 min top).
Sommerkleidung funktioniert über drei Dinge:
Stoff
Schnitt
Farbe
Nicht über möglichst wenig Stoff.
Das ist wichtig.
Ein ärmelloses Shirt ist nicht automatisch luftiger, eine enge Stretch-Shorts ist nicht automatisch angenehmer. Und ein Plastikpolo aus irgendeinem „Performance“-Material macht dich nicht sportlich, sondern lässt dich bloß stinken und genau so billig aussehen wie der nächste Talahon, der grad bei H&M shoppen war.
Gute Sommerkleidung sitzt etwas lockerer. Nicht sackartig. Nicht schlampig. Aber mit Raum.
Luft muss zirkulieren können. Stoff muss fallen können. Der Körper muss nicht überall direkt mit Kleidung verklebt werden.
Eng ist im Sommer selten elegant.
Eng ist im Sommer meistens nur feucht.
Kuz um:
Kurzärmlige Hemden...
sind es nicht.
Ja, sie existieren. Ja, Menschen kaufen sie. Und ja, manche tragen sie sogar freiwillig.
Trotzdem bleibt festzuhalten:
Kurzärmlige Hemden sind für Busfahrer reserviert.
Das ist keine Beleidigung gegenüber Busfahrern. Busfahrer haben eine Uniform, einen Zweck und im besten Fall einen funktionierenden Fahrplan.
Du hast nur ein Kurzarmhemd und zu viel Vertrauen in deine Oberarme..
Die bessere Lösung ist einfach:
Trag ein langärmliges Hemd aus leichtem Stoff und krempel die Ärmel hoch.
Dazu z.B. eine etwas weitere Leinehose, gepaart mit Loafern oder Birkenstocks und du bist ready to go.
Und warum immer hochgekrempelte Ärmel?
Hochgekrempelte Ärmel wirken oft attraktiver, weil sie die Unterarme zeigen und den Blick auf eine schmalere Stelle des Arms lenken. Dadurch erscheinen Oberarme und Schultern optisch breiter, was den Oberkörper athletischer wirken lässt.
Und natürlich gibt es Ausnahmen. Ein gut geschnittenes Camp-Collar-Shirt kann im Urlaub oder sehr leger funktionieren. Aber eher als Überwurf zwischen Schwimmsessions und nicht als Ganztag Option.
Viele hören Wolle und denken sofort an Winter, kratzige Pullover und süße Schafe.
Verständlich, aber unvollständig.
Wolle ist nicht gleich dicker Winterstoff.
Es gibt sehr leichte Wollstoffe, die ausdrücklich für warme Temperaturen gedacht sind. Besonders interessant ist High-Twist Wool.
High-Twist Wool bedeutet: Die Wollfäden sind stärker gedreht als normal.
Gepaart mit offener Webart (wo https://app.warera.io/user/69a73e201616e100b089d808 um mich zu loben?) wird der Stoff trockener, robuster und oft luftiger. Er klebt weniger am Bein, knittert weniger und fällt sauberer. Der Faden fungiert dabei quasi wie eine Art Feder die immer wieder zurückspringt. Offene Webart heißt dabei einfach, dass die Fäden mit größerem Abstand zueinander gewebt wurden.
Und genau darum geht es.
Nicht „Wolle ist magisch kalt“.
Sondern: Der richtige Wollstoff kann bei Hitze sehr angenehm sein, weil er luftig ist, trocken wirkt und seine Form behält.
Jetzt fragt sich der Leser zu Recht, was spricht gegen das typische Leinenhemd für schmale 50 Euro? Naja, nix.
Leinen und High-Twist Wool sind beides sehr gute Sommerstoffe. Aber sie machen unterschiedliche Dinge gut.
Leinen kommt aus der Flachspflanze und ist einer der klassischsten Sommerstoffe überhaupt.
Vorteile:
sehr luftig
wirkt natürlich und entspannt
nimmt Feuchtigkeit gut auf
sieht sofort sommerlich aus
hat eine schöne, unregelmäßige Struktur
Leinen hat Charakter.
Das ist der nette Ausdruck dafür, dass es knittert.
Und zwar nicht ein bisschen. Leinen knittert, als wäre das Teil seines Persönlichkeitskonzepts (ist es).
Das ist aber nicht automatisch schlecht. Bei Leinen gehört das dazu. Ein Leinenhemd darf knittern. Eine Leinenhose darf nach einem Tag getragen aussehen. Das ist kein Fehler, sondern Teil des Materials.
Problematisch wird es nur, wenn du erwartest, dass Leinen nach acht Stunden noch aussieht wie frisch aus der Reinigung. Dann bist du nicht Opfer schlechter Kleidung, sondern schlechter Erwartungen.
Leinen ist besonders gut für:
Hemden
Sommerhosen
lockere Sakkos
Freizeit
Urlaub
warme Tage ohne zu formellen Anspruch
Leinen sagt: „Ich bin gut angezogen, aber ich habe keine Lust, dabei zu leiden.“
Das ist eine vernünftige Aussage.
High-Twist Wool wirkt anders.
Sie sind weniger beachy, weniger rustikal, weniger zerknittert (und leider teurer).
Dafür sind sie strukturierter.
Der Stoff fällt sauberer. Die Hose behält besser ihre Form. (Also nicht nur ein bisschen besser. Schon fast magisch. Geht mal zum nächsten Schneider und fragt nach einer High-Twist Wool Probe. [Der Schneider kennt das meistens eher unter Fresko.] Versucht dort mal Falten reinzubringen. Unmöglich. Nur Liebe für diesen Stoff.) Und genau deshalb sind diese Stoffe so gut, wenn man im Sommer perfekt angezogen wirken will, ohne physisch zu sterben.
Vorteile:
sehr gute Luftdurchlässigkeit
knittert deutlich weniger als Leinen
fällt sauber und elegant
wirkt formeller
ideal für Hosen und Sommeranzüge
klebt weniger schnell am Körper
Gerade bei Hosen ist High-Twist Wool sehr stark.
Eine Leinenhose sieht nach Sommer aus. Gut.
Eine High-Twist Wool Hose sieht nach Sommer aus, aber auch als hättest du dein Leben unter Kontrolle.
Das ist der Unterschied.
Wenn du im Büro, bei einem Sommertermin oder auf einer Hochzeit nicht aussehen willst, als hättest du dich zwischen Strandbar und Standesamt verlaufen, ist High-Twist Wool oft die bessere Wahl.
Ganz einfach:
Leinen, wenn es entspannt sein darf.
High-Twist Wool, wenn es elegant wirken soll.
Leinen ist besser für Freizeit, Urlaub und lockere Kombinationen.
High-Twist Woolist besser für Hosen, Sakkos und Anzüge, wenn du trotz Hitze ordentlich aussehen willst.
zu enge Kleidung
Polyester direkt auf der Haut
zu dunkle, schwere Stoffe
billige Kurzarmhemden
Sneaker zu jedem einzelnen Outfit
Shorts in Situationen, die eigentlich lange Hosen verlangen
sichtbare Unterhemden unter dünnen Hemden
Hemden, die so durchsichtig sind, dass man die Löcher deiner Nippelpiercings erkennen kann die du dir vor 10 Jahren im jugendlichen leichtsinn hast stechen lassen.
Sommerkleidung darf leicht sein.
Sie darf hell sein.
Sie darf lockerer sitzen.
Sie darf sogar entspannt wirken.
Aber sie muss nicht schlecht sein.
Der Trick ist nicht möglichst wenig anzuziehen. Der Trick ist, die richtigen Stoffe und Schnitte zu wählen.
Leinen ist perfekt, wenn es locker und sommerlich sein soll.
High-Twist Wool ist perfekt, wenn du im Sommer trotzdem elegant wirken willst.
Kurzärmlige Hemden bleiben bitte beim Busverkehr.
Und wer bei >28 Grad Wolle trägt, ist nicht automatisch verrückt.
Vielleicht hat er einfach verstanden, dass Webart wichtiger ist als Bauchgefühl.
Also:
Sei ein Schlafschaf.
Trag Wolle im Sommer.
Aber bitte die richtige.
PS: Ab 40 grad ist alles egal. Fliehe wer kann!