Einen wunderschönen guten Abend meine werten Mitbürger und Menschen, die glauben, ein Hoodie sei bereits Business Casual, wenn er keine Flecken hat (Grüße an meinen Chef).
Heute widmen wir uns einer der größten Lügen der modernen Gesellschaft (neben SlimFit): dem sogenannten "overdressed" sein.
Oder wie Gen-Z sagen würden: „Bro, warum bist du so schick?“
Die kurze Antwort lautet: Weil jemand in diesem Raum noch Restwürde besitzt.
Die (sehr) lange Antwort:
Viele Menschen sagen „overdressed“ wenn sie eigentlich meinen: „Du hast dir sichtbar mehr Mühe gegeben als ich und jetzt fühle ich mich von deiner Existenz bedroht.“
Das ist kein Modeproblem. Das ist ein psychlogisches Minenfeld mit Baumwollanteil.
Ein Hemd, ordentliche Schuhe oder eine Krawatte sind nicht automatisch übertrieben. Sie sind erstmal nur Kleidung, die nicht aussieht, als wäre sie morgens im Halbschlaf vom Wäscheständer gefallen.
Kleide dich für die Position, die du haben willst, nicht für die Position, die du gerade inne hast.
Und ja, dieser Satz klingt wie etwas, das ein LinkedIn-Coach mit einem Bild von sich selbst mit verschränkten Armen posten würde, natürlich mit SlimFit Anzug und Collar Gap (jede Minute auf dieser elednigen Plattform lässt meine Seele verkümmern).
Trotzdem steckt ein Körnchen Wahrheit drin.
Kleidung sendet ein Signal. Sie sagt nicht: „Ich bin besser als ihr.“ (doch seid ihr wenn ihr meine Artikel verinnerlicht habt) Sie sagt: „Ich nehme mich, meine Arbeit und diesen Termin ernst.“
Wer wirkt, als wäre er schon bereit für mehr Verantwortung, wird eher mit mehr Verantwortung in Verbindung gebracht.
Bevor jemand am Montag als Praktikant im Nadelstreifen-Dreiteiler, goldener Taschenuhr und schwarz polierten Oxfords auftaucht...
Das Stichwort ist Balance. Nicht nur modisch wichtig sondern auch sozial.
„Es gibt kein overdressed“ bedeutet nicht: „Zieh dich an wie der Nebencharakter aus einem Mafiafilm, wenn du nur die Kaffeemaschine kennenlernen sollst.“
Natürlich kann Kleidung zu viel sein. Nicht, weil sie zu gut ist, sondern weil sie nicht zur Situation passt und wie ein Kostüm wirkt.
Ein Dreiteiler im normalen Büropraktikum ist nicht souverän. Es wirkt eher so, als hättest du 400% zu viel Selbstbewusstsein oder zu viel PeakyBlinders geguckt.
Und klar gibt es Menschen die können auch in einem Praktikum so etwas rocken. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir beide nicht dazu gehören sondern wie Phillip Amtor ohne Sympathiebonus wirken ist ziemlich hoch.
Der Unterschied ist wichtig.
Du musst nicht das mögichst formellste Outfit tragen. Du musst nur besser angezogen sein als der Rest der Menschen, die „passt schon“ für eine Lebensphilosophie halten.
Ein gutes Outfit ist wie ein guter Lebenslauf: sauber, passend, nicht verzweifelt.
Niemand verlangt, dass du als Junior-Mitarbeiter aussiehst wie der Vorstandsvorsitzende bei der Fusion zweier Versicherungskonzerne.
Aber du darfst aussehen, als wüsstest du, wo dein Bügeleisen wohnt.
Eine sehr gute Zwischenlösung ist die Anzugweste.
Und nein, ich meine keine Patagonia-Weste, du Financeboy.
Die Anzugweeste liegt genau zwischen „Ich habe mir Mühe gegeben“ und „Ich eröffne gleich eine Privatbank in Zürich“.
Besonders gut funktioniert sie mit:
Hemd
Krawatte
ordentlicher Hose
Lederschuhen
aber ohne Sakko
Das wirkt gut angezogen, aber nicht übermäßig formal und strahlt einen Touch Jugendlichkeit aus.
Tipp: Achtet auf eine Vollrückenweste, macht euch Gedanken ob mit oder ohne Revers und nehmt lieber groberen Stoff wie Tweed. Das sieht alleine einfach stimmiger aus.
Viele Menschen tun so, als gäbe es nur zwei Optionen:
Jogginghose mit modischem Kontrollverlust
Frack mit weißer Fliege und Erbmonokel
Das ist natürlich Unsinn.
Es gibt viele Zwischenstufen:
Hemd statt T-Shirt
Lederschuhe statt Sneaker (halten auch länger)
Chino statt Jeans
Strickjacke statt Hoodie
Weste statt Sakko
Krawatte statt nacktem Kragen
Sakko ohne kompletten Anzug (bitte nicht mit TShirt)
Der wichtigste Maßstab ist immer der Kontext.
Ein Outfit kann objektiv gut sein und trotzdem falsch wirken. Ein Smoking ist schön. Im Supermarkt um 10:30 Uhr ist er trotzdem genau so weird wie ein Hollistershirt bei einem Bewerbungsgespräch (nein habe ich mir leider nicht ausgedacht).
Frage dich also:
Wo bin ich?
Mit wem bin ich dort?
Was wird von mir erwartet?
Welche Rolle will ich ausstrahlen?
Das Ziel ist ernst genommen zu werden ohne wie ein wandelnder Kostümverleih aufzutreten.
Wenn du zwischen zwei Outfits schwankst, nimm meistens das bessere.
Leicht overdressed wirkt oft ambitioniert. Underdressed wirkt schnell nachlässig.
Niemand hat je gesagt: „Er war perfekt vorbereitet, kompetent und gepflegt aber leider war er zu gut gekleidet. Wir mussten ihn gehen lassen.“
Andersrum passiert es ständig.
Schlechte Kleidung flüstert ganz leise ins Ohr deines Gegenübers: „Ich habe diesen Termin nicht ernst genommen.“
Overdressed ist meistens ein Mythos.
Was es wirklich gibt, ist unpassend gekleidet.
Das ist ein Unterschied.
Ein gutes Outfit soll dich nicht verkleiden. Es soll deine Wirkung verbessern. Es soll zeigen, dass du verstanden hast, wo du bist, was du willst und dass du nicht aus Versehen in diese Hose gefallen bist.
Also ja: Kleide dich für die Position, die du haben willst.
Aber bitte nicht so, als wäre diese Position „Kaiser von Mitteleuropa“.
Zieh dich besser an. Zieh dich bewusster an. Zieh dich passend an.
Und wenn du dir unsicher bist:
Lieber ein kleines bisschen overdressed als underdressed.
Denn underdressed zu sein ist selten sympathisch lässig.
Meistens ist es nur schlechte Planung mit Reißverschluss.
TLDR: Zieh dich vernünftig an Junge.
Kuss auf Nuss und vielen Dank an https://app.warera.io/user/69d760176a22eddb0bc06196 der mich motiviert hat wieder viel zu viel Zeit in einem viel zu langen Artikel zu versenken.